»Zeitgenössische Glasmalerei«
Zu Werken von Thierry Boissel
Magisterarbeit im Studiengang Magister Artium der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Philosophischen Fakultät II, Lehrstuhl für Kunstgeschichte. Betreuer: Prof. Hans Dickel
vorgelegt von: Sven Künzel M.A.

Die Arbeit von Sven Künzel kann kostenlos als PDF Datei bezogen werden
Bitte Hier: thierry@boissel.de anfragen



EIGENE VERÖFFENTLICHUNGEN:

"Some toughts about Stained Glass on the occasion of the exihbition Lumières en éclat in Chartres, France". Neues Glas/New Glass, 2/00, Seiten 34-39.

"Glasgestaltung und Farbe: Zeitgenössische Farbgestaltungen in der Architektur"
VDI Berichte 1527 - VDI Gesellschaft Bautechnik - Bauen mit Glas - ISBN 3-18-091527-7
Seiten 277 mit 294.

Grundsätzliche Überlegungen zur Situation der Zeitgenössischen Glasmalerei anlässlich einer Ausstellung in Chartres, Artikel im "Neues Glas/New Glas" N° 2/00

Artikel über Michèle Pérozéni im „Neues Glas/New Glas“ N° 4/04.

Laufend Vorträge über die Zeitgenösische Glasmalerei u. oder die eigenen Arbeiten. Z. B. Vortrag bei der GLASTEC in Düsseldorf, Nov. 2004. Vortrag bei der ICELAND 2005, Architectural glass conference, April 5 - 7. 2005 at Kopavogur Art Museum.




light as a medium

An image is a picture that cannot at first be separated from how it was first experienced or created. This association is tied to an emotional experience, that is often not discussed when examining or searching for the meaning of an image. Picture making is what it might be called. Pictures made by painters are understood and accepted without much controversy. Pictures made by artists like Dan Flavin are discussed in such another context from painting pictures that one would think its a new art form. But in fact, it is just another way of making the same pic- tures as before. Only that they are seen in a spatial context that are very mobile. What I want to point out is the emotional content that comes from picture making that uses real light as a medium.
I always liked Flavins work but never thought about what makes it spe- cial. His use of fluorescent bulbs make the work physical. He doesn’t hide anything. And he does not insert meaning from the outside, but let’s it come from the inside, that is the arrangements of his light fixtu- res, which are mostly very simple.
But what I really want to write about is glass painting. I don’t want to say I understand it, but it does fascinate me. The activation of physical light is the fascination. In painting, it is refection of light off pigmented flat areas. The physical light is not the prominent medium. In light sculp- ture, like Flavin, the objectness plays a prominent role. But in glass pain- ting, it is the image made by physical light that is the significant distin- guishing element that gives it its power and limitation. The light itself has a physical and emotional presence, that is connected to the colored glass choices,and image that it makes but is also independent of it. It is body and spirit at the same time. One without the other doesn’t exist. Harmony is a relevant issue in glass painting. Because the viewer needs to connect the ephemeral visual image with the tactile physicality that the glass itself insists on in the light that shines through. This light shi- nes as broken color that refers to its beginning as conceived by the glass motif. When the motif or image in the actual glass structure and the resulting light that comes into the space are in harmony, then the emo- tional power of physical light is evident in its full force. This is the ideal of glass painting, that the image is dynamic as the very nature of light itself.
All the glass painting that I have tried has been disappointing. I don’t know why. All I can say that the images that are created with colored glass light can be beautiful. Thierry Boissel is one artist whose work with glass I admire and with whom I often discuss this medium.

Jerry Zeniuk, Munich, Feb. 2010






Licht und Sicht

Es gibt wenig - selbst für ein interessiertes Publikum schwer auffindbar - Schriftliches jedoch viel Gebautes zur Lichtgeschichte der Architektur. Diese weist zwei Besonderheiten auf: Bis zum 20. Jahrhundert ist die Sonne die einzige kräftige Lichtgeberin. Lediglich sakrale und imperiale Monumentalarchitekturen zeigen Baulichtideen und diese reflektieren vorwiegend Lichterscheinungen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die meisten Architekten sich mit Symmetrien und historischen Stilen abmühten, bekommt der Blick eine neue Richtung: nach draußen. Der erlebte, gestimmte, leiblich erfahrene Raum wird als Phänomen erkannt. Zum Fensterloch als Sonnenfänger kommt unter anderem das Panoramafenster der Frühmoderne, das die Sehlust aufgreift und die Blicke einrahmt. Jenseits der eigenen Grenzen gibt es die zu leihende Landschaft. Das Draußen wird Teil des Wohlfühlens. Der Wunsch nach einer maximalen Annäherung und deren Grenzen zeigen all die gebauten Glasboxen. Die Schnittstelle zwischen innen und außen bricht das Licht. Erst mit der Television fallen die Sichtgrenzen, Tag und Nacht wird aufgehoben, es herrscht die Virtualreality.

Dennoch steht in den meisten heutigen Architekturentwürfen die Lichtpotenzierung im Vordergrund. Gute Architektur jedoch bietet auch den Gestaltungs- und Erlebniswert des Lichtes. Eine ständig wechselnde Belichtung trägt zur visuellen Aufwertung der Sehumgebung bei. So ändert sich das Erscheinungsbild der objektiven Umwelt vom Morgen bis zum Abend, vom heiteren Sonnentag bis zum farblosen Grau des trüben Nebels. Nicht zuletzt stellt das in den Raum fallende Tageslicht auch einen Bezug zur Außenwelt her, der bei der Beurteilung von Raumsituationen stark ins Gewicht fällt. Die Poesie des Raumes meint eben nicht nur das Vorhandensein von vier Wänden, sie umfasst den Wunsch nach einem stimmungsvollen, abwechslungsreichen Ambiente, welches die Qualität des Aufenthaltes definiert.

Das „Fenster“ spielt dabei eine tragende Rolle. Es ist einerseits Spender von Tageslicht und anderseits Öffnung, die einen visuellen Austausch von Innen und Außen ermöglicht. So entsteht das Spannungsfeld zwischen Licht und Sicht.

In der Gegenwartsarchitektur ist das Fenster jedoch nur eine der Möglichkeiten. Sehr oft wird es zur Wand verwandelt und damit rückt die Außenwelt unvermittelt in die Nähe. So entsteht eine neue Innen – Außenbeziehung. Mit dem daraus entstehenden latenten Wechsel von offenen und geschlossenen Flächen kommt Bewegung in die statische Raumwahrnehmung des Betrachters. Dabei spielt die Bewegung eine wichtige Rolle. Das Verständnis der Raumkonstellationen wird über die Inszenierung der Wege durch das Gebäude und sich verändernder Standpunkte hergestellt. Jenseits der Zweckgerichtetheit, die zur Belichtung und Ausleuchtung der Räume dient, entsteht ein ästhetisches Element, das die Architektur in ihrer Gestalt verändert. Das Licht steigert die Wahrnehmung der räumlichen und tektonischen Ordnung.

Wandöffnungen werfen nicht nur Licht, sondern auch Außenbilder in den Raum. Größe, Form und Anzahl der Öffnungen spielen dabei weniger eine Rolle, als vielmehr deren sinnfällige Platzierung. So kann das Spektrum vom kleinen Guckfenster, das den Blick auf ein besonderes Detail nach außen lenkt, bis hin zum riesigen Panoramafenster reichen, bei dem ein bestimmtes Bild des Außenraumes ins rechte Licht gerückt wird.

Darüber hinaus kann die transparente Trennung zwischen innen und außen dieses besondere Verhältnis verändern, überhöhen, verzerren, transformieren, umlenken und vieles mehr. Hier liegt ein überaus wertvolles und zu wenig genutztes Potential im Umgang mit dem architektonischen Raum.

Sonst bleibt ein Sonnenstrahl, um an die Existenz des Außenraumes zu erinnern, denn mit ihm dringen auch Ort und Zeit in den Raum ein.

Carlo Baumschlager, München, Januar 2011





Der unaufdringliche, aber atmosphärisch wirkungsvolle Bezug zur Architektur und seiner Funktion charakterisiert auch die Glasfront des Musikzimmers der modernen Albert Schweizer Schule in Sonthofen, 1996, wo aquarellartig über die strenge Rahmenstruktur gesetzte Farbspuren aus geblasenem Glas eine heitere Improvisation in den Raum klingen lassen. Diese Beispiele öffentlicher Auftragsarbeiten aus den letzten Jahren zeigen die im Handwerk verankerte und zugleich experimentell erweiterte Erfahrung mit dem Material, mit seiner Transparenz und farbräumlichen Wirkung, womit der Künstler phantasievoll und sensibel auf verschiedene architektonische Aufgaben eingeht.
Thierry Boissel begreift seine Arbeit mit Glas in einem ursprünglichen Sinn: als Medium für Licht im Raum. Gleichwohl schafft er in seiner Experimentier-Lust auch 'freie' Objekte. Einige beziehen sich auf seine Heimat in der Normandie: das Meer und die Fische. In einem alten Gemäuer seines Heimatortes installierte er 1997 eine Ausstellung mit dem hintersinnigen Titel "L'eau de lä": Wellen und Glasfische. Diese erscheinen in Drahtglasscheiben wie im Netz gefangen, oder ausgebreitet in einem traditionellen Handkarren, oder draußen auf der Promenade zum Kilopreis angeboten. Auch hier suchen die Objekte spielerisch den Kontakt zum sozialen Raum.
Thierry Boissel wurde 1962 in Saint Valery en Caux geboren, studierte Wandgestaltung und Glasmalerei von 1982 - 1986 in Paris, von 1987 - 1991 an der Akademie in Stuttgart bei Ludwig Schaffrath. Seit 1991 leitet er die Studien- & Experimentierwerkstatt für Glasmalerei, Licht & Mosaik an der Akademie der Bildenden Künste München, wo er als engagierter, kenntnisreicher und beliebter Lehrer arbeitet. Durch Aufträge, Auszeichnungen, Ausstellungen und Wettbewerbe gewann er als eigenwilliger und entwicklungsfähiger Künstler der jüngeren Generation im Bereich der Glasgestaltung Profil. Seine Arbeit bewegt sich in einer Traditionslinie der Moderne, die von 'Arts and Crafts' über das Bauhaus zu zeitgenössischen Aufgaben von 'Kunst am Bau' führt, wo er gerade bei komplexen Vorgaben zu frischen und eleganten Ergebnissen findet.


Prof. Thomas Zacharias, München, 1996


ZeitgenoĢˆssische Glasmalerei – Zu Werken von Thierry Boissel
Glasmalerei - zu Werken von Thierry Boissel. Publiziert auf: Glassrevue.cz von Sven Künzel
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